Menschenbild

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Menschenbilder in den Wissenschaften

Jede Wissenschaft, deren Arbeitsfeld in irgendeinem Bezug zum Menschen steht, hat implizit oder explizit ein Menschenbild. Da der Mensch aber keine Wissenschaft betreiben kann, die nicht irgendwie im Bezug zu ihm steht, folgt daraus dass jede Wissenschaft ein Menschenbild hat.

Dazu aus "Menschenbilder in der modernen Gesellschaft" (Oerter, Rolf;1999):

"Menschenbilder sind Konstruktionen und Konstrukte, die von Laien oder Wissenschaftlern als Teil ihres Weltbildes implizit oder explizit entworfen werden, um eine Gesamtorientierung des Urteilens und Handelns zu ermöglichen.(...) Menschenbilder haben in der Regel handlungsleitende Funktionen, d.h. sie beeinflussen Planung, Ausführung und Bewertung des Handelns. (...) Interessant und konfliktträchtig werden Konzeptionen des Menschenbilds, wenn unterschiedliche und widersprüchliche Menschenbilder sich in einer Wissenschaft vereinigen. Dies ist zum Teil in der Psychologie der Fall, in der sich mechanistische, organismische und humanistische Konzeptionen widerspiegeln."

Menschenbilder in der Religion

Das Menschenbild im Islam

Problematik


Die intensive Analyse der ideengeschichtlichen Entwicklung, die das Menschenbild hervorgebracht hat, auf das sich die westlich-europäischen Werte stützen, ist notwendig. Gleichzeitig lässt die Beschränkung auf die Behandlung westlich sozialisierter Denker aber oft den Eindruck aufkommen, dieses Menschenbild, auf das sich europäische Werte, Regeln und Rechte stützen, sei weltweit anerkannt. Gerade die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft wurde und wird in anderen Kulturen teilweise völlig anders beantwortet, gänzlich andere Schwerpunkte werden gesetzt. Dies ist eine Problematik, die besonders in einer globalisierten Welt, wo die Bemühungen in Richtung einer global geltenden Ethik und Gesetzgebung gehen, nicht unterschätzt werden darf. An Hand der Frage nach einer Möglichkeit zur universellen, sprich: kulturübergreifenden Möglichkeit zur Rechtfertigung der Menschenrechte soll hier versucht werden, grob das islamische Menschenbild zu umreißen und die Unterschiede aufzuzeigen.

Der Begriff "orthodoxe Strömung" bezieht sich auf Strömungen wie die wahhabitische Richtung, die zum Beispiel im Königreich Saudi-Arabien die staatliche Auslegung beeinflussen.


Die Idee der Individualrechte

Schon die Idee der Individualrechte, die auf dem durch jahrhundertelange ideengeschichtliche, soziokulturelle und historische Entwicklung geprägtem westlichen Menschenbild beruht, ist problematisch. Der Wertekatalog, den orthodox-muslimische Menschenrechtstheoretiker anführen, beruht auf „Gottesrecht“ (Haq Allah), auf dem System der Pflichten (Faraid) der Gemeinschaft der Muslime (Umma) gegenüber Gott als Quelle allen Rechts (Allah Al-Haq). Schließlich bedeutet Islam wörtlich übersetzt nichts anderes als „Unterwerfung“ (unter den Willen Gottes). Das Kollektiv rangiert vor dem Individuum, das Konzept der Pflichten steht an der Stelle individueller Rechte. Würde man auf Grund dieses Systems einen Naturzustand konstruieren, so wäre der einzelne bar jeden Rechts. Werte – und damit Rechte – existieren nur durch ihre „Gottgegebenheit“. Gott ist die Instanz, die Handlungen und Verhaltensweisen einfordert. Apostasie (Ridda) zum Beispiel wird deshalb mit so drastischen Strafen geahndet, weil dabei besagtes Gottesrecht verletzt wird – Glaube wird nicht als freiwillige Handlung, sondern als Pflicht gegenüber Gott verstanden. Das Recht auf Meinungsfreiheit ist so in keiner orthodox-islamischen Menschenrechtserklärung zu finden. Auf der selben Argumentation beruht die Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Sulieman Abdul Rahman Al Hageel, Professor an einer Universität in Saudi-Arabien, begründet dies in seinem von der Regierung finanziertem Buch „Human Rights in Islam“ folgendermaßen:

„Freedom of thought and expression means that a person can have complete freedom in saying the truth and advice in all worldly and spiritual matters for the purpose of serving the benefit of the muslims […]. This freedom must be within the frame work of the promotion of virtures and containment of vices […]. As for the protection of the Islamic community as a whole and the protection of religion from being attacked, the freedom of thought and speech must not embark on Islam and Muslims.” (Al-Hageel 1999, a.a.u., S.61 ff.)


Die Idee universeller Rechte

Das nächste basale Problem bildet die Konzeption der Menschenrechte als universell und allgemein. Die Idee der Gleichheit aller Menschen stößt gleich auf zwei Ebenen auf Schwierigkeiten: In der Unterscheidung zwischen Muslimen und Ungläubigen und bei der Position der Geschlechter innerhalb der islamischen Gesellschaft. Das Menschenbild ist insofern universell, als der Mensch an sich als Nachfolger Gottes auf Erden, Mohamed als Prophet aller Menschen verstanden wird. Sobald konkrete Fragen ins Spiel kommen wird unterschieden zwischen Muslimen, Anhängern der anderen monotheistischen Buchreligionen und dem Rest, was praktisch für Erbrecht, Höhe der Steuer und sonstige Besitzumstände relevant ist. Innerhalb der Gemeinschaft der Muslime wird differenziert, wie korrekt der Betreffende den Glauben auslebt. Die Geschlechter sind theoretisch vor Gott gleich, im weltlichen Leben jedoch mit völlig anderen Pflichten und Zuständigkeitsbereichen ausgestattet, was in vielen Fällen zwar nicht dem muslimischen Gerechtigkeitsempfinden oft auch der Frauen, wohl aber dem westlichen Konzept der Gleichberechtigung widerspricht.

Dies sind nur einige Beispiele, die einen Bruchteil eines umfassenden Themengebiets erfassen. Vielleicht bewirken sie trotzdem, die Schwierigkeiten im Umgang mit dem westlichen Menschenbild in Erinnerung zu rufen.


Das Menschenbild bei Martin Luther

Für Luther ist der Mensch ein Geschöpf Gottes, doch ist er durch die Sünde Adams in die Welt abgesunken, deren Sündhaftigkeit und letztlicher Verdammnis er nur durch den Glauben und die Gnade Gottes entfliehen kann. In der Welt kann Luther eine Mehrheit von Nicht-Christen ausmachen, sündhafte Menschen, die er mal als böse, mal als wilde Tiere bezeichnet (siehe Luther 1954, insbes. S.16 & S.20). Der „Frommen“ sind wenige. Das liegt schon in seiner Identität als Wesen aus Leib und Seele.


Die Seele Der Leib
bleibt unbeeinflusst von allem Materiellen beeinflusst nicht das Seelenheil
bedarf nur des Wortes Gottes benötigt zahlreiche Güter: Nahrung, Kleidung, Bildung usw.
Der Glaube gibt umfassende Befriedigung wird durch den Glauben substituiert und transzendiert.

(Vergleiche Luther 1953)


Der Schlüssel zur Selbstvervollkommnung des Menschen liegt also in seiner Seele und der ihr gegebenen Fähigkeit zum Glauben. In der Freiheit eines Christenmenschen (1520) beschreibt Luther den Weg zum Glauben wie folgt: (Luther 1953, S. 44)

„Denn die Reue fließt aus den Geboten, der Glaube aus den Zusagungen Gottes, und also wird der Mensch durch den Glauben göttlicher Worte gerechtfertigt und erhoben, der durch die Furcht vor dem Gebote Gottes gedemütigt und zur Selbsterkenntnis gekommen ist.“

Erst und allein durch den Glauben wird der Mensch vor Gott gerechtfertigt und nicht durch den, zu Luthers Zeit im Ablasshandel kulminierenden, Nomismus, das Festhalten an Gesetzen und das Tun „guter Werke“ zum Zwecke des Seelenheils. Erst durch den Glauben wird nach Luthers Denkart ein Werk „gut“ und gerecht. Er verwendet die Metapher eines Fruchtbaumes, der keine schlechten Früchte trägt, wenn er nicht selbst verdorben ist, beziehungsweise der, wenn er gesund ist (also im Glauben) nur gute Früchte (Werke) trägt. Dem Menschen kommt damit eine hohe individuelle Verantwortung zum Erlangen göttlicher Gnade zu. Der Christ im Glauben hat die Freiheit, alle weltlichen Ketten abzustreifen, alles Leid erträgt er frohen Mutes, da er es um Gottes willen erträgt, er bedarf keiner weltlichen Obrigkeit; er ist frei. Zugleich bindet ihn das Gebot der Nächstenliebe an den Schutz der Schwächeren im Glauben, er tut nichts was ihnen schaden könnte, befolgt also Gesetze und Sitten obwohl er ihrer nicht bedarf. Luther sagt daher in der Freiheit eines Christenmenschen: (S.7)

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Die Dichotomisierung des Menschengeschlechts als von Natur aus zwar vernunftbegabt und des Glaubens fähig, zugleich aber zutiefst sündhaft in der Welt, in Christen und Nicht-Christen ist entscheidend für das politische Denken Luthers.

Menschenbilder in der Philosophie

Philosophische Anthropologie ist ein eher moderner Strang der Philosophie. Das Historische Wörterbuch der Philosophie datiert den Anfang dieser Teildisziplin auf 1920. Die Beschäftigung mit dem Wesen des Menschen ist aber so alt wie die Philosophie selbst.

"Jede Aussage des Menschen enthält zugleich eine Aussage über ihn selbst; sie ist Aussage eines Menschen überhaupt und zugleich eines Menschen in seiner bestimmten Denk-, Zeit- und Lebenssituation. Menschliches Leben ist daher - wie DILTHEY entdeckt hat -, indem es nach außen erkennt und schafft, immer zugleich an sich selbst hermeneutisch.(...)Vor allem in Krisenzeiten, in denen das Selbstverständnis des Menschen unsicher und damit zum Problem wird, beginnt er nach seinem Wesen zu fragen, um neue Anhaltsponkte für sein Weltverhalten zu gewinnen." (Historisches Wörterbuch der Philosophie, Abschnitt: 1059/1060, Stichwort: Mensch)


"

Quellen

Oerter, Rolf: "Menschenbilder als sinnstiftende Konstruktionen und als geheime Agenten" (1999) In: Oerter, Rolf:"Menschenbilder in der modernen Gesellschaft",Stuttgart 1999, Ferdinand Enke Verlag, S.1f

Sulieman Abdul Rahman Al Hageel, Ph.D.: „Human Rights in Islam and Refutation of the Misconceived Allegations Associated with these Rights“, King Fahad National Library Index, Riad 1999

Stefan Batzli et.al. (hrsg.): “Menschenbilder Menschenrechte. Islam und Okzident: Kulturen im Konflikt“, Unionsverlag, Zürich 1994.

Bassam Tibi: „Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte“, Ullstein Verlag, Düsseldorf 2003.

Luther, Martin: "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei" (1523) In: Martin Luther: "Der Christ in der Welt" (Bd. 7 von Luther Deutsch – die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart hrsg. von Kurt Alena) S.9-52. Berlin 1954.

Ritter, Joachim; Gründer, Karlfried: "Historisches Wörterbuch der Philosophie",(1980), Basel, Schwabe und Co.AG

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